Der Heilige Martin von Tours, der das Reich der Franken und die von ihnen besiedelten Gebiete geprägt hat, war in der lateinischen Kirche der erste, der den Grad der Heiligkeit nicht durch seinen heldenhaften Tod als Märtyrer, sondern durch sein heroisches Leben erreichte. Er war der dritte Bischof von Tours (Frankreich).
Martin wurde um 317 in Sabaria, dem heutigen Steinamanger, als Sohn eines römischen Tribunen geboren. Sein ursprünglicher Name „Martinus” leitet sich ab vom Kriegsgott Mars. Man könnte den Namen übersetzen als „zum (Kriegsgott) Mars gehörend” oder „Kämpfer, Kriegerischer”.
Seine Jugend verbrachte er in Pavia, der Heimat seines Vaters in Ober-Italien, wo er erstmals mit dem Christentum in Berührung kam. Er wurde christlich erzogen und im Alter von zehn Jahren in die Gruppe der Katechumenen - der Taufbewerber - aufgenommen.
Im Jahre 331 erlässt der Kaiser das Edikt, welches alle Söhne von Veteranen verpflichtet, der Armee beizutreten. Widerwillig beugte sich Martinus dem Gebot und dem Wunsch seines Vaters, der selbst als Militärtribun diente und schlug eine Militär-Laufbahn ein. So wurde er schon mit 15 Jahren zur Leibwache des Kaisers Konstantin II. nach Mailand eingezogen, welches zu dieser Zeit die Residenz der westlichen römischen Reichshälfte war. Es war eine Ehre dieser elitären kaiserlichen Garde zugewiesen zu werden, einer aus fünfhundert Mann bestehenden, sorgfältig ausgewählten Truppe welche hervorragend ausgerüstet ist. Jeder Gardist besitzt neben sehr guten Waffen, ein edles Pferd und einen eigenen Sklaven. Aber Martin hat einen, für diese Zeit, unziemlichen Lebenswandel. So speist er beispielsweise zusammen mit seinem Sklaven, ja sorgt oftmals persönlich für alle Belange und putzt dem Sklaven zuweilen gar die Schuhe. An den
üblichen Orgien und Festen nimmt er nicht teil und an Frauen
findet er kein Gefallen. Anerkennung erntet Martin aber doch
durch sein überaus freundliches und liebenswürdiges Wesen,
seine treue Pflichterfüllung und Hilfsbereitschaft.
Während Kämpfen zwischen Römern und Alamannen in Gallien, dem heutigen Frankreich und später auch jenseits des Rheins, in denen Martinus unter Julian diente, vertiefte sich sein Glaube.
Im Winter des Jahres 335 ereignet sich in Amiens jene Begebenheit, die im Leben des Martin so bekannt geworden ist. Viele Menschen müssen in der grausamen Kälte ihr Leben lassen. Am Stadttor steht unbeachtet ein Bettler – halb erfroren – und bittet um Almosen. Martin hat Mitleid, führt aber leider kein Geld bei sich. Kurzerhand ergreift er sein Schwert und teilt seinen edlen weissen Elitegarde-Mantel in zwei Teile und reicht die eine Hälfte dem Bettler. Es macht Martin nichts aus, von den Menschen und seinen Mitsoldaten verlacht zu werden. In der kommenden Nacht hat Martin einen Traum. Christus selbst erscheint ihm mit einer Schar von Engeln. Jesus ist mit dem halben Mantel bekleidet und sagt zu den Engeln: „Der Katechumene Martin hat mich mit diesem Mantel bekleidet.“ Vermutlich noch im selben Jahr empfängt Martin im Alter von ungefähr 18 Jahren das Sakrament der Taufe.
Vor einer Schlacht im heutigen Worms verteilte Kaiser Julian - wie es Brauch war -ein Donativum an die Soldaten. Als Martin an die Reihe kam, nutzte er diese Gelegenheit und bat um seine Entlassung aus dem Armeedienst, weil Christsein und Militärdienst sich nicht vereinbaren lassen. Der Kaiser hielt seine Bitte für Feigheit vor der bevorstehenden Schlacht und ließ ihn über Nacht ins Gefängnis werfen. Am nächsten Morgen jedoch bitten die Feinde um Frieden, ziehen sich zurück, so ist die Gefahr gebannt und Martin darf tatsächlich den Militärdienst verlassen.
Dies geschah im Jahre 356 n.Chr. Nachdem er einige Zeit bei Hilarius, dem Bischof von Poitiers, gelernt hatte, zog er sich als Einsiedler auf die Insel Gallinaria vor der norditalienischen Küste (in der Nähe von Genua) zurück. Bald aber folgtem ihm viele Anhänger, sodass er dieses Leben wieder aufgab. Er reiste zu seiner Mutter nach Pannonien, die er zum christlichen Glauben bekehren konnte. Anschließend begab er sich erneut nach Gallien. Dort errichtet er in Ligugé das erste Kloster des Abendlandes. Als Nothelfer und Wundertäter wurde Martin schnell in der gesamten Touraine bekannt. Am 4. Juli 372 wurde er zum Bischof von Tours geweiht. Statt in der Stadt zu leben, wohnte er lieber in den Holzhütten vor der Stadtmauer, wo aber schon zu seinen Lebzeiten das Kloster Saint-Martin de Ligugé entstand. Im Jahre 375 n.Chr. errichtet er in der Nähe von Tours das Kloster Marmoutiers. Schon früh lernte er den Bischof von Le Mans Liborius, dessen Reliquien heute im Dom zu Paderborn ruhen, kennen. Mit ihm verband ihn eine lebenslange Freundschaft. Martin war es, der später dem sterbenden Liborius im Juni 397 n.Chr. die letzte Ölung spendete.
Als Martin als Bischof von Tours in Trier weilte, klagten die Gegner des häretischen Bischofs Priscillian von Ávila diesen vor dem Kaiser Magnus Maximus an. Auf Betreiben Martins beendete Maximus den Prozess, ließ ihn aber nach der Abreise Martins aus Trier wieder aufnehmen und Priscillian 385 zum Tode verurteilen. Als Martin von der Hinrichtung erfuhr, protestierte er bei Kaiser Maximus scharf gegen dieses Vorgehen.
Am 8. November 397 stirbt Martin 81-jährig auf einer Visite in Candes, einer Stadt seines Bistums. Im vierten Jahrhundert setzte der Reliquienkult ein und so beginnt ein erbitterter Streit, wo der Leichnam des so geschätzten und verehrten Bischofs begraben wird. Martin wird am 11. November 397 in Tours zu Grabe getragen.
Bis zum Ende des Mittelalters waren neben dem Fest des heiligen Martin (arbeitsfreier Feiertag) noch folgende Gedenktage zu Ehren des Heiligen üblich:
Martin wird der erste Heilige, der keinen Märtyrertod gestorben ist. Damit wird er zum ersten Typus einer neuen, damals nicht bekannten Art von Heiligkeit: Konnte bis dahin ein Christ Heiligkeit nur durch ein Martyrium erlangen, so wurde nun deutlich, dass Heiligkeit in einem sittlichen Lebenswandel und Taten der Nächstenliebe und Barmherzigkeit besteht. Martin wird damit zur paradigmatischen Antwort auf die Frage des Umbruchs von der verfolgten Christenheit zur römischen Reichskirche: Wie kann Heiligkeit jetzt ohne Martyrium erreicht werden? Es kam nun nicht mehr auf einen zeugenhaften, für Christus erlittenen Tod an, sondern auf einen am Beispiel Christi und seiner Botschaft orientierten Lebenswandel. Wohl deshalb wurde Martin über die Grenzen seiner Wirkstätten und über die Jahrhunderte hinweg einer der beliebtesten Heiligen der Christenheit.